„Es gab schon die eine oder andere Situation, bei der ich sogar mit dem Ball an einem Mann vorbeigelaufen bin.“
Game Changer: Vereint auf dem Fußballplatz

Revolution im deutschen Fußball – Frauen und Männer in einem Team. Die Grundlage dafür hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) im Juni 2022 geschaffen. Regional- und Landesverbände haben dadurch die Möglichkeit, für ihre Spielklassen Pilotprojekte zum Gemischten Spielen durchzuführen. Frauen, die das 18. Lebensjahr vollendet haben, dürfen auf Antrag in Herrenmannschaften mitspielen, ohne dabei ihre Spielerlaubnis in einer Frauenmannschaft zu verlieren. Das Projekt ist für einen Zeitraum von 48 Monaten vorgesehen.
Grund für diesen Beschluss: In Deutschland haben nur 25 Prozent der Vereine eine weibliche Mannschaft gemeldet, sodass es Frauen an geeigneten Spielmöglichkeiten fehlt. Deshalb haben junge Spielerinnen vermehrt den DFB und die Landesverbände angefragt, ihnen ein Spielrecht in einer Männermannschaft zu erteilen. Zu diesem Zeitpunkt fehlten jedoch die Grundlagen in den DFB-Ordnungen, die das Gemischte Spielen ermöglichen. Durch den gefassten Beschluss haben nun alle Spieler*innen die Chance, ihrem Freizeitsport ohne Einschränkungen nachzugehen.
Mixed-Teams – gemeinsam zum Erfolg?
Das klassische Männer- und Frauenbild im Fußball könnte in Zukunft durch Mixed-Mannschaften durchbrochen werden. „Wir lieben ja den gleichen Sport“, bekräftigt Elvira Herzog, Torhüterin von RB Leipzig. Diese Gemeinsamkeit könnte dazu führen, dass Geschlechterdiskriminierung reduziert und ein respektvoller Umgang miteinander gefördert wird. Gitta Axmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Soziologie und Genderforschung an der Sporthochschule Köln, findet es wichtig, dass mehrere Frauen Teil der Männermannschaft sind. Ziel sei es, das Gemischte Spielen in der Gesellschaft zu normalisieren und den Begriff Männermannschaft durch Fußball-Mixed-Teams zu ersetzen. „Vereinzelte Spielerinnen sollten nicht als etwas Besonderes wahrgenommen werden“, erklärt sie.
Aber auch in sportlicher Hinsicht können die Spieler*innen in gemischten Teams voneinander profitieren. Anna Geßner, die bereits seit Herbst letzten Jahres in der Herrenmannschaft des FC Greifswald spielt, konnte sich spielerisch weiterentwickeln.
Seit sie Teil des Teams ist, konzentriert sie sich besonders auf ihre Ausdauer und Schnelligkeit im Zweikampf. „Es gab schon die eine oder andere Situation, bei der ich sogar mit dem Ball an einem Mann vorbeigelaufen bin“, erzählt Anna stolz. Auch zwischenmenschlich fühlt sie sich wohl und wird von ihren Teamkollegen sehr geschätzt. Sie fungiert seit ihrem Wechsel als Bindeglied der Mannschaft und konnte die Teamdynamik deutlich verbessern, so ihr Trainer Mirko Behrens.
Obwohl sich Frauen durch gemischte Teams sportlich weiterentwickeln können, befürchtet die RB-Torhüterin Herzog, dass die physischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Erwachsenenalter zu groß sind, um gemeinsam spielen zu können. Die unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen können dabei zu Wettbewerbsnachteilen und erhöhtem Verletzungsrisiko bei Frauen führen.
Neue Frauenmannschaften zu gründen, könnte durch den Beschluss des DFB in Zukunft womöglich schwieriger werden, vermutet Paul Schönwetter, Pressesprecher der Frauenteams bei Eintracht Frankfurt. Wichtig sei, dass generell ein größeres Interesse am Frauenfußball geweckt werde, damit sich mehr Frauen für den Fußball begeistern und letztlich mehr Spielmöglichkeiten entstehen.
Deutschland ist jedoch nicht das einzige Land, in dem das Gemischte Spielen in Amateurligen mittlerweile erlaubt ist. Die Niederlande hat diesen Beschluss bereits im Jahr 2021 gefasst. Ob nun noch weitere Länder mitziehen und sich Mixed-Teams verbreiten werden, bleibt abzuwarten.
„Es hängt von der Gesellschaft ab, ob gemischte Teams akzeptiert oder immer noch belächelt werden.“
Beim FC Greifswald sind Frauen auch in Zukunft in der Herrenmannschaft willkommen. Mirko Behrens, der Trainer des Teams, würde sich freuen, wenn er noch mehr Frauen in seinem Team begrüßen dürfte. Das Ziel sei jedoch eigentlich, eine eigene Frauenmannschaft zu gründen, um als Verein weiter wachsen zu können. Anna Geßner, die bisher einzige Spielerin des Herrenteams, ist sich sicher: „Es hängt von der Gesellschaft ab, ob gemischte Teams akzeptiert oder immer noch belächelt werden.“
Dieser Beitrag ist Teil des Dossiers „Frauenfußball und Gleichberechtigung im Sport“. In dem dazugehörigen Artikel könnt ihr euch einen Überblick über die Entwicklung des Frauenfußballs in Deutschland und den Herausforderungen verschaffen.